2. Werkstattgespräch am 25. Juni 2014:
Engagement fördern, Hilfemix organisieren und verschiedene Zielgruppen ansprechen 

Projektträger aus NRW zeigen erfolgversprechende Ansätze im Bereich Selbstorganisation und Engagement.

Mehr als 20 im Rahmen des Bundesprogramms "Anlaufstellen für ältere Menschen" geförderte Projekte aus Nordrhein-Westfalen haben darüber diskutiert, wie das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt noch besser gelingen, Bürgerinnen und Bürger für ein aktives Miteinander gewonnen und verschiedene Zielgruppen angesprochen werden können.Dazu hatte das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit dem Deutschen Verband am 25. Juni 2014 nach Essen eingeladen.

Ehrenamt unterstützt Selbstständigkeit

Einleitend vermittelt Eva-Maria Antz von der Stiftung Mitarbeit Grundsätzliches zum Thema Ehrenamt und dessen Leistbarkeit. Dieses wirkt unterstützend und erleichternd, wenn es darum geht, den Wunsch nach selbstständigem Wohnen und Leben im Alter auch in die Wirklichkeit umzusetzen. Mit zunehmendem Alter steigt die Abhängigkeit von anderen Menschen, so dass soziale Kontakte eine neue Bedeutung bekommen. "Unterstützung soll darauf abzielen, dieser Abhängigkeit zu begegnen", so Antz. Zu beachten seien die verschiedenen Facetten von Engagement und seine Rahmenbedingungen. So ist die Zielgruppe der älteren Menschen sehr heterogen und in ländlichen und städtischen Räumen gibt es große Unterschiede in Bezug auf Nahversorgung und Mobilität. Auch nimmt die soziale Spaltung zu, weshalb Altersarmut und Rentenaspekte wichtige Handlungsfelder sind.

Netzwerke nutzen und Helfende motivieren

Aus der Projektpraxis berichten dann beispielhaft drei Akteure aus Essen, Dortmund und Mülheim an der Ruhr über ihre Erfahrungen zum Thema. "Die Unterstützung durch ein breit aufgestelltes Helfernetzwerk vor Ort ist das Wichtigste", erklärt Arndt Sauer, Leiter des Mehrgenerationenhauses Essen. In je zwei Essener Stadtteilen entsteht unter Federführung des Mehrgenerationenhauses eine Beratungs- und Begegnungsstätte für Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf. Die kooperierende Wohnbau eG stellt passende Räumlichkeiten bereit und lokale Medien berichten in Zeitungsartikeln und Radiobeiträgen. Ergänzt von mehr als 100 Ehrenamtlichen entsteht so ein Netzwerk, was zu einer verbesserten Wohn- und Lebensqualität im Stadtteil beiträgt. "Um alle Beteiligten vom Mitmachen zu überzeugen, ist es besonders wichtig aufzuzeigen, wie sie genau in der jeweiligen Situation helfen können", betont Sauer.

Hilfemix durch Bürgerlotsen ergänzen

Das Hilfenetzwerk des Sozialamtes der Stadt Mülheim an der Ruhr basiert auf einem Sozialraumkonzept. Dieses setzt eine enge Verzahnung von kommunalen Hilfen mit Trägern der Wohlfahrtspflege und Selbsthilfe um. "Die nun entstehende Anlaufstelle in Mülheim an der Ruhr (Speldorf) geht auf den Wunsch einer großen Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern zurück, sich miteinander austauschen und für gemeinsame Ziele engagieren zu wollen", erläutert Jörg Marx, Planer und Projektentwickler im Sozialamt der Stadt Mülheim an der Ruhr, die Beweggründe zur Schaffung der Anlaufstelle. Zahlreiche Bürgerinnen und waren zuvor einer Einladung des Sozialamtes zu einer Bürgerversammlung gefolgt und hatten sich auf weitere Treffen verabredet. Nun werden Bürgerlotsen geschult, die beraten, Angebote vermitteln und den vorhandenen Hilfemix sinnvoll ergänzen. "Die beteiligten Akteure sollten sich gut kennen, vertrauensvoll zusammenarbeiten, die Angebote verschiedener Hilfeanbieter kennen und regelmäßig kommunizieren. Die Kommune sowie ihr Kooperationspartner, das Centrum für bürgerschaftliches Engagement, haben dabei eine verbindende Funktion und sind für alle Bürgerinnen und Bürger des Quartiers verlässliche Ansprechpartner", so Marx auf die Frage, wie ein gelingendes Miteinander funktioniert.

Ältere mit Migrationshintergrund sensibel einbinden

Inwiefern die angebotenen Unterstützungsleistungen auch angenommen werden, bestimmen die Nutzerinnen und Nutzer. Reinhard Pohlmann, Leiter des Fachdienstes für Seniorenarbeit der Stadt Dortmund, berichtet über die Herausforderung, ältere Menschen mit Migrationshintergrund teilhaben zu lassen. Hierfür braucht es eine kultursensible Sozialpolitik, die auf die Interessen älterer Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen eingeht. Es gilt, die richtigen Wege und Formen der Ansprache zu finden. "Erfolgsversprechend ist die Einbindung von bekannten Personen aus den jeweiligen Ethnien, wie zum Beispiel türkische Ärzte oder Vorsitzende von Moscheevereinen bis hin zu ambulanten Pflegediensten mit muttersprachlichem Personal, um über diese Kontakte ältere Menschen und ihre Familien mit Migrationshintergrund zu erreichen", so Pohlmann. Weitere Angebote werden nun getestet.

Engagement schafft Sinn und Mehrwert für alle

Die Impulse aus Nordrhein-Westfalen wurden anschließend in Kleingruppen vertieft. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass bei den Anlaufstellen die Bedürfnisse älterer Menschen nach Selbstbestimmtheit, Sicherheit, Gemeinschaft und Teilhabe im Vordergrund stehen müssen. Um hierfür Helfende zu finden, braucht es einen eher zwanglosen Auftakt, der alle Akteure an einen Tisch bringt und dann strukturell weiter entwickelt werden kann. In enger Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt gelingt es so, bedarfsgerechte Angebote zu entwickeln. Parallelstrukturen und Konkurrenzen lassen sich durch Empfehlungsmanagement und Konfliktfähigkeit vermeiden. Genau das können Anlaufstellen leisten.

Fakt ist aber auch, dass Anlaufstellen Sach- und Personalressourcen benötigen. Für die Akquise – zum Beispiel auch zur Gewinnung von Sponsoren –  ist es wichtig, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf dem Laufenden zu halten und gezielte Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Schließlich sind Bürgerarbeit und Ehrenamt nicht umsonst und ersetzen keine professionellen Leistungen. Nur unter Anleitung und Reflexion können die Möglichkeiten von Engagierten, aber auch die Bedarfe an deren Mitarbeit berücksichtigt werden. Ehrenamtliche brauchen vor allem Zeit, sich überhaupt engagieren zu können. Wichtig sind zudem klar definierte Aufgaben, Entwicklungsmöglichkeiten, verlässliche Ansprechpartner, eine wertschätzende Anerkennungskultur und Qualifizierungen.

Engagement bedeutet immer auch den Zugang zu anderen Personen. Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen, ist sinnstiftend. Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern für alle gesellschaftlichen Institutionen. Mitverantwortung heißt dann Aufgabenteilung. Das ist ein Mehrwert für alle Beteiligten und der Grund, weshalb Engagement Unterstützung braucht. Darauf haben sich alle Teilnehmenden verständigt.