Förderzeitraum beendet

Ambulant betreute Wohngemeinschaft – insbesondere für Menschen mit Demenz, Rostock

Mehr Gemeindeintegration - zukunftsweisendes Wohnen - bessere gesellschaftliche Teilhabe

Das Projekt

Sanierter zehnstöckiger Plattenbau. Link öffnet das Bild vergrößert in einer Lightbox mit Bildergalerie.
  • Barrierefreier Umbau und Zusammenlegung leerstehender Wohnungen in saniertem Plattenbau
  • Kooperation mit Wohnungsunternehmen
  • Wohngruppe im vertrauten Lebensumfeld
  • stadtteilintegriert
  • ambulante Pflege und Betreuung

Der Standort

Willem–Barents–Straße 31
18106 Rostock
Mecklenburg-Vorpommern
www.awo-rostock.de

Nutzungskonzept

Die Großsiedlungen in Plattenbauweise in den neuen Bundesländern sind gegenwärtig grundlegenden strukturellen Veränderungen unterworfen. Leerstand, Aufwertung des Bestandes und Rückbau überzähliger Wohnungen sowie soziale und demografische Veränderungen kennzeichnen die Situation. Typisch für diese Siedlungsstruktur ist auch, dass dort immer mehr alte Menschen leben, die eine entsprechende Infrastruktur benötigen. Viele ältere Menschen wohnen schon lange in diesen Siedlungen und sind eng mit ihren Stadtteilen verbunden. Dort haben sie ihre sozialen Netze und die ihnen vertraute Umgebung. Diese Bindungen und Kontakte sollen auch bei zunehmendem Hilfe– und Unterstützungsbedarf erhalten und gestärkt werden. Ist aber das Wohnen in der eigenen Wohnung ohne Betreuung nicht mehr möglich, müssen neue innovative und vor allem stadtteilbezogene Wohnformen entwickelt werden, die der Vereinsamung entgegenwirken und ein vielfältiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Geborgen im vertrauten Stadtteil

In Rostock–Schmarl geschieht dies, indem eine ambulant betreute Wohngemeinschaft inmitten des Stadtteils entsteht. Acht an Demenz erkrankte alte Menschen finden dort eine ihren Bedürfnissen entsprechende betreute Wohnform unweit ihrer bisherigen Wohnung. Jedem Mitglied steht ein Einzelzimmer zur Verfügung, das individuell möbliert werden kann. Im großen Gemeinschaftsbereich werden die Mahlzeiten vorbereitet und eingenommen, er ist zugleich das gemeinsame Wohnzimmer, in dem erzählt, gelesen, vorgelesen oder fern gesehen wird. Kern des Betreuungskonzepts ist es, die Selbstständigkeit und gegenseitige Hilfe und Unterstützung innerhalb der Wohngemeinschaft zu fördern. Zugleich ist die Wohngemeinschaft Teil der Gemeinschaft des Wohnhauses und nicht – wie noch häufig zu finden – eher anonym oder versteckt.

Kooperation mit Wohnungsunternehmen

Der AWO–Sozialdienst realisiert dieses Modellprojekt in enger Kooperation mit einer Wohnungsgenossenschaft. Diese stellte dafür drei Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus bereit. Die AWO schließt mit dem Wohnungsunternehmen einen Mietvertrag. Die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner erhalten Einzelmietverträge durch die AWO. Im Nutzungskonzept der Wohngemeinschaft sind Wohnen und Pflege also rechtlich klar voneinander getrennt. Notwendige Pflegeleistungen werden finanziert, indem die Erstattungsbeiträge dafür in einen "gemeinsamen Topf" gegeben werden. Die Bewohnerinnen und Bewohnern beziehungsweise deren Angehörige oder Betreuer entscheiden dann gemeinsam, welcher Pflegedienst beauftragt wird. So lässt sich eine "Rund-um-die-Uhr" -Betreuung sichern. Gemeinsam entschieden wird auch darüber, wie die Pflege und Betreuung strukturiert sein sollte und wer in die Wohngemeinschaft aufgenommen wird.

Architektur

Der Stadtteil Schmarl ist ein großes Plattenbaugebiet mit weitgehend sanierten Wohnungsbeständen im Nordwesten von Rostock. Das Modellprojekt ist in einem elfgeschossigen Gebäude angesiedelt, einem Typenbau, der wegen seiner Anordnung der Giebelbalkone als "Terrassenhaus" bekannt ist.

Neue Wohnformen in Plattenbauten möglich

Das Projekt ist im Erdgeschoss angesiedelt. Um die nötige Wohnfläche zu erreichen, werden drei unterschiedlich große Wohnungen durch Grundrissveränderungen zusammengelegt. Zwei Wohnungen standen bis dato leer. Die dritte, eine bewohnte Ein–Zimmer–Wohnung, konnte durch die Bereitschaft des Mieters zum Wohnungstausch mit in die Umnutzung einbezogen werden. Durch das Zusammenlegen der Wohnungen entstehen insgesamt acht individuell gestaltete Wohneinheiten (Einzelzimmer) mit unterschiedlichen Größen und Zuschnitten. Herzstück der Wohngemeinschaft ist der Gemeinschaftsbereich mit Küche und Esszimmer (33 Quadratmeter) sowie dem Wohnzimmer (32 Quadratmeter). Um beide Bereiche miteinander zu verbinden, sind zwei Wanddurchbrüche nötig.

In der Wohngemeinschaft wird es drei Bäder geben, auch sie sind unterschiedlich groß. Zwei verfügen über Dusche und WC, das dritte ist darüber hinaus mit einer Badewanne ausgestattet. Um dem häufig großen Bewegungsdrang von Menschen mit Demenz zu entsprechen, werden die Flure miteinander verbunden, sodass ein Rundlauf entsteht. Demenzkranke Menschen sind oft desorientiert, deshalb sollen große Lichtkästen mit einem persönlichen Foto an den Türen der Bewohnerzimmer helfen, sich besser zurecht zu finden. Diese Lichtkästen sind türhoch und sorgen zugleich für eine angenehme Beleuchtung des langen Flurbereiches. Ein kleines Personalzimmer sowie ein Abstellraum runden das Raumprogramm ab.

Die Wohngemeinschaft erhält einen gesonderten Wohnungseingangsbereich, der mit einer Hebebühne ausgestattet ist, um die Höhe des Sockelgeschosses barrierefrei überwinden zu können. Der Eingang ist zugleich Zugang zum geschützten Garten, der als Sinnes–Garten unmittelbar am Haus entstehen soll.

Kompromisse bei Bestandsanpassungen unumgänglich

Obwohl industriell gefertigte Wohnungen insgesamt gute Voraussetzungen für Grundrissänderungen bieten, waren vor allem hinsichtlich der nötigen Barrierefreiheit Kompromisse nötig. So ist die gesamte Wohnung mit ihren Außenanlagen weitgehend rollstuhlgerecht, jedoch wurde nur eines der drei Bäder entsprechend der strengen Vorgaben der DIN 18025 Teil 1 umgebaut. Die beiden übrigen sind barrierefrei im Sinne der DIN 18025 Teil 2. Auf einen rollstuhlgerechten Umbau aller Bäder wurde zu Gunsten der Wohnfläche und Wohnqualität verzichtet.

Fazit

Jenseits von Heimstrukturen bisheriger Art entsteht eine betreute Wohnform für alte und kranke Menschen im langjährig vertrauten Umfeld. Das Projekt zeigt: Durch die kreative Umgestaltung von Wohnungen – nicht nur – in Plattenbausiedlungen ist es möglich, kleinteilige und ambulant gestaltete Wohnangebote anzusiedeln. Der quartierbezogene Charakter macht es möglich, dass auch die älteren Menschen weiter am Stadtteilleben teilhaben können. Beispielgebend ist zudem die Kooperation mit einer Wohnungsgenossenschaft und einem Bürgerverein.

Projektdetails

Träger

AWO–Sozialdienst Rostock gGmbH
Albrecht–Tischbein–Straße 48
18109 Rostock

Architekt

ArchitekturInstitut Wismar
im Technologie– und Forschungszentrum
Alter Holzhafen 19
23966 Wismar

Kooperationspartner

Wohnungsgenossenschaft WIRO – Wohnen in Rostock eG
Barrierefreies Rostock e. V.

Fertigstellung

2005

Gesamtkosten

560.000 Euro

Förderung BMFSFJ

510.000 Euro

Fläche

240 Quadratmeter Nettogrundfläche

Plätze

8 Plätze in ambulant betreuter Wohngemeinschaft