4. Werkstattgespräch 11. Dezember 2015:
Weniger Barrieren und viel Begegnung und Mitgestaltung – das Anlaufstellenprogramm unterstützt Wohnungsunternehmen und verbessert die Wohnsituation älterer Menschen

Eine Gruppe läuft an einem Gebäude vorbei. Link öffnet das Bild vergrößert in einer Lightbox mit Bildergalerie.
Foto: Schlesinger / DV

Kommunale, genossenschaftliche und private Wohnungsunternehmen übernehmen vielfältige Aufgaben und Rollen im Bereich der bedarfsgerechten Infrastrukturausstattung. Durch passgenaue Angebote, wie aufsuchende Beratung, Fahrdienste, Begegnungsmöglichkeiten, die Vermittlung von Hilfen im Alltag oder auch bei eintretendem Pflegebedarf, werden Altmieterinnen und Altmieter unterstützt und Neukundinnen und Neukunden gewonnen.

Welche Impulse die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft für moderne Wohn- und Lebensformen im Alter geben kann, haben mehr als 20 Projektumsetzer am 11. Dezember 2015 in Leipzig im Rahmen des Modellprogramms "Anlaufstellen für ältere Menschen" diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die älter werdenden Mieterinnen und Mieter bis ins hohe Alter selbstständig und im vertrauten Wohnumfeld leben können. Dazu hatte das Bundesfamilienministerium gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung in Kooperation mit dem Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) eingeladen. Die Veranstaltung fand in der Sophienkirchgemeinde Leipzig statt, einer im Programm vertretenen Anlaufstelle.

Einleitend betonte Christian Bruch, Bundesgeschäftsführer des BFW, den sozialen Aspekt des Miteinanders, der die geförderten Anlaufstellen ausmache. In Kombination mit Technik, wie etwa durch AAL, werde das Wohnen altersgerecht – nämlich allen Generationen gerecht. Zudem verwies Bruch darauf, dass die durch die Zuwanderung drängenden Aufgaben das Wohnen im Alter nicht zu einem nachrangigen Thema machen dürften. Es brauche Strategien und Strukturen, die beides auf den richtigen Weg brächten.

Wohnortnahe Angebote sind Grundvoraussetzung

Der Schlüssel liegt im Quartier, also vor Ort in den Nachbarschaften. "Bestimmte Infrastrukturen, wie Einkaufen, ÖPNV, abrufbare Pflege sind für das selbstbestimmte und selbstständige Leben im Alter wichtig", betonte Rolf Schettler, Geschäftsführer der Schettler Unternehmungen aus Herten. Diese Angebote vorzuhalten, werde in einigen Regionen immer schwieriger. Dabei seien funktional gemischte Quartiere entscheidend, damit auch ältere Menschen sich zuhause zu fühlen. So könnte nur im Zusammenwirken verschiedener Akteurinnen und Akteure, wie Wohnungswirtschaft, Kommune und Sozialverbänden, ein Netzwerk entstehen, was Seniorinnen und Senioren bei der Umsetzung ihrer individuellen Wohnwünsche unterstütze.

Das bestätigte auch Kati Stein, Geschäftsführerin der Wohnungsgesellschaft Adorf/ Vogtland mbH. Unter dem Motto "Unsere Tür steht jedem offen" wurden 23 Wohnungen eines alten Plattenbaus in der Schillerstraße altersgerecht umgebaut und zwei Apartements für Wohngruppen errichtet. Ein Hausmeister, der beim Wechsel der Glühlampe hilft, ein Pflegedienst sowie die durch einen Verein betriebene, neue Begegnungsstätte, eine Physiotherapie und ein Friseur im Haus schaffen ein Angebot, was für alte und neue Mieterinnen und Mieter interessant sein könne, sagte Stein. Um allerdings über das Quartier hinaus bekannter zu werden, brauche es noch mehr Öffentlichkeitsarbeit. Bisher sei das neue Angebot nicht kostendeckend. Weitere Fortschritte auf diesem Weg versprechen sich die Verantwortlichen in Adorf nicht zuletzt von der Mitarbeit im Bundesprogramm "Demografiewerkstätten", in das sie Anfang 2016 aufgenommen worden sind. Mit Einkaufsmöglichkeiten und Wochenmarkt, Arztpraxen sowie dem Familien- und Kulturzentrum hat der zentral gelegene Kölner "Paulinum Westhoven Park" eine gute Ausgangslage. Die Sahle Wohnen mbH bietet dort neben Reihenhäusern für Familien 114 barrierefreie und finanziell erschwingliche Seniorenwohnungen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein. Am meisten nachgefragt seien Zwei-Zimmerwohnungen mit kleinen Grundrissen, sagte die für das Wohnmanagement zuständige Sybille Jeschonek. Durch eine Pflegeeinrichtung vor Ort, die durch eine eigens gegründete Tochtergesellschaft betrieben wird, könnten Betroffene auch bei Pflegebedürftigkeit in ihrer gewohnten Umgebung wohnen bleiben. "Die konsequente Nachbarschaftsarbeit führt dazu, dass es im Westhoven Park kaum Probleme, etwa mit der Sicherheit oder auch Graffitis, gibt", resümierte Jeschonek – die Quartiersarbeit unterstütze die Mieterbindung, sei letztlich aber ein Zuschussgeschäft für das Unternehmen.

Wohnungswirtschaft und Kommune im Gespräch

In einer Gesprächsrunde mit der Seniorenbetreuerin Petra Friebel, GWG Halle-Neustadt mbH, dem Geschäftsführer Bernhard H. Heiming, BB Hausbau GmbH und Vorsitzender des BFW-Arbeitskreises Seniorenimmobilien sowie der Sozialplanerin Annegret Saal, Stadt Leipzig, wurde darüber diskutiert, wie das Wohnen für Alt und Jung noch besser werden kann. Gleich zu Beginn betonte Bernhard H. Heiming, dass „Seniorenwohnen“ keine Sonderwohnform sei. Vielmehr beschreibe es spezielle Bausteine, die das Wohnen etwa durch technische Unterstützung oder Alltagshilfen ergänzten. Demnach ließe sich das "Seniorenwohnen" überall umsetzen, so es wirtschaftlich und damit refinanziert sei, so Heiming. Neben geeigneten Grundstücken für den Neubau bräuchten die Wohnungsunternehmen Kooperationspartner aus verschiedenen Bereichen, um integrierte Quartierskonzepte auch umzusetzen.

Hier greift die Stadt Leipzig auf umfangreiche Erfahrungen zurück. "Leipzig versteht sich als Architekt oder Brückenbauer ins Quartier", betonte Annegret Saal und konnte zehn Seniorenbüros in Trägerschaft von Sozialverbänden oder der Wohnungswirtschaft ins Leben rufen. Dabei ginge es nicht nur um die "Zielgruppe 55+". Künftig sollten sich die Seniorenbüros verschiedenen Altersgruppen öffnen. Das Sch(l)austübchen in Halle ist ebenfalls offen für alle Interessierten. Dort biete das kommunale Wohnungsunternehmen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Sozialpartnern Beratung, Begegnung und eine Musterwohnung für Ältere, erklärte Petra Friebel. Dennoch wäre ihre wichtigste Aufgabe die aufsuchende Tätigkeit. "Die Vermittlung von Hilfen für jetzt oder im Bedarfsfall ist mir ein persönliches Anliegen", so Friebel. Gesprochen wurde auch über Konzepte für ein generationsübergreifendes Miteinander. Allerdings reiche Planung allein nicht aus. Ein frühzeitiges Kümmern sei wichtig, betonte Saal zum Schluss.

Kleine Massnahme – grosse Wirkung

Für die Zukunft wünschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr Anerkennung ihrer Arbeit, auch durch die Politik. Bessere, auch steuerliche, Refinanzierungsmöglichkeiten könnten Wohnungsunternehmen dazu bringen, ihre Angebote auszuweiten. Es müsse langfristig und für mehrere Generationen geplant werden. Einigkeit bestand dahingehend, dass private Eigentümer noch stärker vom Thema überzeugt werden müssten. Hier seien gezielte Abstimmungen erforderlich und es brauche tatkräftige Macher vor Ort. "Kleine Maßnahmen mit großen Wirkungen", so fasste Dr. Barbara Hoffmann als zuständige Referatsleiterin im Bundesfamilienministerium das Modellprogramm zusammen. Bauliche und soziale Maßnahmen müssten sinnvoll zusammengedacht werden, damit die Anlaufstellen weiterhin gut funktionieren, Bestand haben und sich auch Jüngeren öffnen können.